Leseprobe - Florian Tietgen

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Leseprobe

Mord im Gottesdienst


30. April 2009
Eike Birkmeyer (41, Staatsanwalt)

Die junge Frau kam ohne Anmeldung, wartete auch nicht, nachdem sie an die Tür geklopft hatte. Sie trat ein, ein paar Einkaufstüten in der Hand, als sei ihr gerade erst eingefallen, mich zu besuchen, trat an den Schreibtisch, stellte die Taschen ab und setzte sich auf einen der beiden Sessel mir gegenüber und wartete.
»Was kann ich für Sie tun?« Ich hoffe, ich habe nicht allzu deutlich demonstriert, was ich von diesem Überfall hielt. Es stapelte sich jede Menge Arbeit und normalerweise spreche ich ohne Termin mit niemandem.
Die Frau, etwa 25 Jahre alt, blass, mit dunklen Schatten unter den Augen, sah mich nicht an. »Sie müssen mich verhaften. Ich werde am Sonntag einen Mord begehen.« Die junge Frau betonte ihre Sätze kaum. Ihre Stimme war leise, aber ich konnte sie gut verstehen. Sie sprach und bewegte sich langsam, als wäre sie durch starke Medikamente sediert.
»Wen möchten Sie denn ermorden?« Ich war allein in meinem Büro, die meisten Kollegen befanden sich schon im langen Wochenende, das der erste Mai am Freitag uns bescherte. Bevor ich die unbekannte Frau wirklich einschätzen konnte, ging ich lieber vorsichtig auf sie ein.
Sie nannte mir den Namen einer Lehrerin im Hamburger Stadtteil Fuhlsbüttel. »Während des Gottesdienstes werde ich ihr eine Pistole an den Kopf setzen und abdrücken.«
›Ach nein‹, dachte ich. ›In einer Kirche. Gleich behauptete sie, Gott hätte es ihr befohlen.‹ Die Frau sah von mir auf den Boden und wieder zu mir. Die Bewegungen, die langsame Sprechweise, die Suche nach jedem Wort erweckten den Eindruck einer psychischen Erkrankung.
»Nehmen Sie mich fest?«
»Sie müssen mir zuvor ein paar Fragen beantworten. Wie Sie heißen zum Beispiel.«
Sie rieb ihre Hände an der Hose, schaute wieder zu Boden, lachte, als hätte ich einen Witz gemacht. »Ich muss Ihnen nichts sagen. Ich kenne meine Rechte.«
»Die Angaben zur Person sind davon ausgeschlossen. Ihren Namen und ihren Wohnort müssen Sie mir verraten. Auf wen soll ich denn sonst den Haftbefehl beantragen?«
Einen Moment lang schwieg sie, steckte einen Finger in den Mund, fuhr damit das Zahnfleisch über den oberen Schneidezähnen entlang, schaute mich wieder an und schüttelte den Kopf. »Sie schwindeln mich an.«
»Nein. Verraten Sie mir, wer Sie sind?«
»Nein.«
Ich stand auf, ging um den Schreibtisch und reichte der jungen Frau die Hand. »Ich kann nichts für Sie tun.«


Fuhlsbüttel, Kirche St. Lukas, 03. Mai 2009
Benno Wieland (42, Polizist)

Die ganze Gemeinde steht. Die meisten haben die Augen geschlossen, die Hände gefaltet. Fast jeder ist ganz bei sich und spricht das Glaubensbekenntnis mit, als es knallt. Mitten in die Worte: »Zu richten die Lebenden.« Ich denke gleich an einen Schuss. Der Knall ist laut und ganz in meiner Nähe. Dennoch dauert es etwas, bis ich die Augen öffne, Frau Marwitz in der Reihe vor mir zusammensacken sehe, und meine Tochter neben mir mit meiner Dienstpistole in der Hand. Bevor ich denken kann, umklammere ich Anna, drücke sie auf die Bank, entreiße ihr die Waffe. Es dauert höchstens eine Sekunde, bis der Pastor weiterspricht und auch die Toten gerichtet werden. Niemand setzt sich nach dem Glaubensbekenntnis. Der Pastor bittet uns, so ruhig und zügig wie möglich die Kirche zu verlassen. Ein Strom aus Menschen setzt sich in Bewegung, nimmt langsam jeden mit zu den Ausgängen. Alle starren uns an: Frau Marwitz, die allein ihrer Reihe liegt, Anna, meine erwachsene Tochter, die apathisch und schlaff in meinen Armen hängt, und mich – immer noch mit der Waffe in der Hand, zu keinem Gedanken fähig, blutleer. Ich funktioniere - irgendwie. Gelernte Mechanismen lassen mich das Handy einschalten und die Kollegen rufen, einen Krankenwagen, während die Gottesdienstbesucher in unsere Richtung glotzen und erstaunlich ruhig zum Ausgang gehen. Längst verinnerlichte Automatismen lassen mich nach Frau Marwitz sehen, der Wunde in ihrem Kopf, den Puls suchen, die Vorbeigehenden um Hilfe für das Opfer bitten. Niemand entzieht sich dem Strom, weder kontrolliert einer, ob die Lehrerin vielleicht noch lebt, noch versucht jemand, mich festzuhalten oder mir die Waffe abzunehmen. Ein Mann holt tatsächlich sein Handy aus der Tasche, fixiert damit Frau Marwitz, fotografiert sie. Schnell setze ich mich zwischen Anna und den Mann, halte meine Hand vor das Gesicht. Denken kann ich immer noch nicht. Nicht einmal fluchen.


Thomas Kollweg (47, Journalist)

»Arschloch. Das ist eine Kirche. Ist Dir gar nichts heilig? Hast du vor nichts Respekt?« Ein Mann hält seine Hand vor das Objektiv. Er trägt eine Brille, dichtes dunkelblondes Haar, nichts, was ihn von den anderen Männern stark unterscheidet.
Ohne die Kamera hätten die Menschen mir schneller vertraut. Doch erst durch Bilder wird eine Nachricht zur Nachricht. Leser wollen keinen Text, Zuschauer kein Geschwafel. Sie wollen Bilder. Ein Bild von der toten Frau habe ich, wenn auch in schlecht er Qualität. In der Kirche konnte ich nur mit dem Handy unauffällig fotografieren. Hier draußen muss ich erstmal nur lauschen und beobachten. Vorbeigehen an den Wartenden – einige in Schockstarre, andere voller Tränen, wieder andere in aufgeregter Diskussion. Alle gehen mit ihrem Schrecken anders um, aber es ist niemand dabei, der nach Hause geht. Die Kamera halte ich ab sofort versteckt.
»Ausgerechnet die Anneliese. Tut doch keiner Seele was zuleide nicht«, sagt eine Frau, die ihrem dunkelblauen Hut mit den Händen festhalten muss.
»Die hat immer für drei gerackert. Den Stefan hat der Herr ja viel zu früh von uns genommen.«
In den Gesprächsfetzen fliegen die ersten kleinen Dramen zu mir. Hinweise auf Hintergründe und für Interviewfragen. ›Opfer: Anneliese.‹ Gedanklich notiere ich mir die Namen. ›Stefan …‹ - der Ehemann? - ›… früh gestorben.‹ Kein Motiv. Ich bleibe stehen, versuche, aus dem Gespräch der Frauen mehr über Anneliese zu erfahren. Doch es wiederholt sich nur in immer denselben Worten. Wenn jemand ermordet wird, ist er fast immer ein guter Mensch gewesen.
Schnell sind Polizisten vor der Kirche, nehmen Personalien auf, stellen noch keine Fragen, vertrösten auf später. Was sollen die Menschen auch gesehen haben? Wer tut so etwas, warum die Anneliese, was war sie für ein Mensch? Die Antworten hätte ich auch gern, aber im Moment kann sie niemand geben. Mein Handy vibriert in der Hosentasche. Ich vermute den Redakteur, den ich gestern nach dem ominösen Telefonat noch angerufen habe, und gehe ran. Es wird gleich wieder aufgelegt. In einiger Entfernung lächelt einer der Polizisten.


Johannes Reimer (62, Gemeindepastor)


Warum tut jemand so etwas? Die Frage geht nicht an Gott, sondern an die Menschen. Warum erschießt jemand einen anderen ausgerechnet in einer Kirche? Das ist ein heiliger Ort. Sicher – von Menschenhand geschaffen – aber doch zur Lobpreisung des Herrn. Es ist Gottes Haus. Er verrichtet dort seinen Dienst an uns. Beladen vom Leben, von Nöten und Sorgen kommen wir in Gottes Haus, breiten unsere Angst und unsere Schuld vor ihm aus und werden erlöst. Ein Haus, in dem dir nichts geschehen kann, in dem du Asyl bekommst. Warum schießt jemand dieses besondere Vertrauen über den Haufen?
Frau Marwitz war nicht nur eine leidenschaftliche Pädagogin, sie war die Seele der Gemeinde. Jeden Sonntag kam sie in die Kirche, jeden Mittwochnachmittag zu unserem Chor. Freitags unterhielt sie für ihre Schüler einen Bibelkreis, damit die sich mit Gottes Wort beschäftigten.
Ist es nicht erschreckend, wie schnell man in die Vergangenheit fällt? Vor wenigen Minuten hat Frau Marwitz noch in der Kirche die Hände zum Gebet gefaltet, die Augen geschlossen, und leise das Glaubensbekenntnis gesprochen.
Ich kenne sie schon so lange. Habe ihre Tochter getauft und konfirmiert. Meine Maria ist mit ihrer Steffi in einer Klasse gewesen bis …
Ja, damals hat Frau Marwitz in ihrer Gottestreue meiner Meinung nach etwas übertrieben. Ich werde nichts Schlechtes über sie sagen, schon gar nicht jetzt, da sie uns so brutal genommen wurde. Gott erlegt jedem Irrtümer auf. Wir sind schließlich Menschen. Aber gerade die eigenen Kinder bedürfen manchmal eher der Barmherzigkeit als der unnachgiebigen Strenge.
Zum Glück hat der Mann schnell reagiert. Nicht schnell genug, um Frau Marwitz zu retten, aber um weitere Schüsse zu verhindern. Wenn ich nur wüsste, woher ich ihn kenne. Die junge Frau, die geschossen hat, kenne ich nicht Sie wirkt verwirrt, apathisch. Mir ist, als hätte ich sie schon einmal gesehen. Etwas in ihrem Blick erinnerte mich an jemanden.


Benno Wieland (42, Polizist)


»Es ist deine Entscheidung.« Das war der Lieblingssatz dieser … Hatte man seine Hausaufgaben nicht gemacht, hieß es beim Eintrag ins Klassenbuch: »Es ist deine Entscheidung.« Erhielt man eine 6 unter einer Englischarbeit, stand immer der rote Kommentar daneben: »Es ist deine Entscheidung, ob du lernst oder nicht.« Sie war nie ungerecht, sie war nie an irgendetwas schuld, ihr Verhalten war immer nur die Konsequenz der eigenen Entscheidung. Wie habe ich das gehasst. Wie hat Steffi das gehasst. Als sie damals schwanger wurde, sich ihrer Muter anvertraute, ängstlich, weil sie doch wusste, wie religiös die war, hatten wir gehofft, es sei einmal nicht nur unsere Entscheidung. Wir waren doch Kinder. Jedenfalls fast. Aber Anneliese Marwitz blieb Gott und sich treu. »Es ist deine Entscheidung. Entweder verrätst du mir den Vater, damit ich ihn anzeigen kann, oder du musst alleine klarkommen. Es ist deine Entscheidung. Bist du alt genug für die Sünde, bist du auch alt genug für die Konsequenzen. Es ist deine Entscheidung.«
Es hat lange gedauert, bis Steffi endgültig daran zerbrochen ist. Sie hat das Heim überlebt und die ersten Jahre, in denen sie ihr Anna weggenommen haben. Sie hat die Zeit überstanden, in der wir uns endlich als Familie zusammenraufen konnten, heiraten, unsere Tochter zu uns holen, für die wir Fremde waren, die sie ablehnte. Und dann, als ich dachte, wir hätten es geschafft, als Anna einen Freund hatte, einen Beruf, einen Arbeitsplatz, als unsere Tochter uns nicht mehr brauchte, sondern liebte, brachte Steffi sich um. Wer soll das verstehen?


Thomas Kollweg (47, Journalist)

»Warum der Mann wohl geschossen hat?«
»Das war doch die junge Frau.«
»Wirklich?«
»Vielleicht hat die Marwitz der auch mal ne 6 reingesemmelt?«
»Also mir …«
»Trotzdem hat sie das nicht verdient.«
»Es ist Ihre Entscheidung …«
Wenn man ein bisschen lauscht, verblasst der Heiligenschein.
Der Polizist kommt auf mich zu, wedelt mit seinem Notizblock, spielt mit dem Kugelschreiber in seiner Hand.. »Wie hast du denn so schnell hierher gefunden?«
»Kennen wir uns?«
Er rümpft die Nase wie ein streuender Hund. »Deinen Beruf rieche ich noch über die strömende Elbe hinweg.«
»Das ist natürlich ein triftiger Grund, jeden Anstand zu vergessen.«
Er räuspert sich, klemmt den Kugelschreiber an den Block, spielt stattdessen an seinem Pistolenhalfter, dieser Idiot. Nur, weil er seine Position gerade jetzt dafür missbrauchen muss, seine Meinung über Journalisten loszuwerden, hindert er mich daran, zuzuhören.
»Ich will doch einfach nur wissen, weshalb Sie schon hier sind. Hatten Sie mal wieder den richtigen Riecher?«
Ich schaue ihn an, schüttele den Kopf, gehe zwei Schritte auf ihn zu und antworte leise genug, um von niemand anderem gehört zu werden: »Das haben Sie doch schon längst herausgefunden. Die Täterin hat mich gestern angerufen.«
So ein Heuchler. Sie alle werden morgen über den Mord in der Kirche lesen wollen, um sich dann darüber zu beschweren, dass sie es können, weil die unmoralische Journaille schon vor Ort war.
»Verarschen kann ich mich allein.« Der Polizist notiert auch meinen Namen, die Zeitung, für die ich arbeite, und lässt mich in Ruhe. Ich schaue ihm nach. Zum Glück spricht mich niemand an, klingelt das Telefon nicht. Ich wüsste nicht, was ich sagen sollte.
Der Leichnam wird abtransportiert, die Kirche wird geschlossen und die Tür versiegelt. Der Platz leert sich. Die Übertragungswagen der Fernsehsender kommen zu spät und bauen ihr Equipment dennoch auf.


Johannes Reimer (Gemeindepastor)


Steffi ward damals schwanger. Fünfzehn Jahre alt war sie. Wie hieß der Vater noch? Sie hat es nie verraten, aber in so einer kleinen Gemeinde weiß man es. Käme ich doch bloß auf den Namen. Er war ein oder zwei Jahre älter als Steffi. Frau Marwitz war außer sich. Entweder Steffi erzählte, von wem das Kind wäre, oder sie würfe sie aus dem Haus.
»Wer auch immer der Vater ist«, insistierte ich, »ein Kind ist ein Geschenk Gottes und das Mädchen ist deine Tochter.«
Davon wollte Frau Marwitz nichts hören. »Schönes Geschenk. Soll sein Balg verhungern, weil die Mutter selbst noch ein Kind ist?«
Wir haben Steffi damals Asyl gewährt, bis ein Platz in der staatlichen Fürsorge für sie frei wurde. Meine Tochter Marie fand es grausam von mir. Wie Kinder eben sind. Sie haben eine sehr genaue Vorstellung von Gottes Liebe. Danach hätte ich Steffi bei uns wohnen lassen müssen, bis sie erwachsen wäre. Marie hätte sogar ihr Zimmer geteilt.
Den jungen Vater oder dessen Eltern habe ich nie wieder gesehen. Sie haben Steffi weder bei mir besucht, noch waren sie im Gottesdienst. Es hieß, sie seien wegen einer neuen Arbeitsstelle fortgezogen.
Der Mann, der die junge Frau gerade festgehalten hat. – Nein, das kann nicht sein. Sicher täusche ich mich, weil mir die Geschichte gerade einfällt. Sicher spielen die Sinne mir einen Streich. Der Mann, der die Schützin festgehalten hat, kann unmöglich Benno sein.
Steffi, so las ich in der Zeitung, hat sich das Leben genommen. Benno hat die Todesanzeige aufgegeben. Der Vater des Kindes. Jetzt ist mir der Name wieder eingefallen. Er ist doch Polizist geworden? Meine ich jedenfalls. Ich hatte ja keinen Kontakt mehr. Und Frau Marwitz hat auch nie etwas gehört. Damals hatte ich gehofft, wenn das Baby erst da wäre, Gottes Geschenk, würde es sie mit Gott und ihrer Tochter versöhnen. So ein Baby hat Kraft. Es kann Menschen vereinen. Leider habe ich mich geirrt.
Die junge Frau … die Schützin … nein, ganz sicher ist es nur der Wunsch, unsere Sünden begegneten uns ein zweites Mal. Eine Sehnsucht nach Vergebung oder Gerechtigkeit, nach einer zweiten Chance, die der Herr uns gewährt. Die junge Frau gewährte nicht einmal eine erste Chance, legte von hinten die Waffe an und drückte ab. Es ist verrückt. Ich meine, sie sähe dem Opfer ähnlich - oder Steffi. Sicher spielen die Sinne mir einen Streich.


Benno Wieland (42, Polizist)


Warum bin ich nicht misstrauisch geworden, als meine Tochter heute Morgen in die Kirche wollte? Warum habe ich immer noch nichts kapiert, als es unbedingt diese hier in Fuhlsbüttel sein musste, obwohl wir doch schon seit 25 Jahren nicht mehr hier wohnen? Ich Idiot hielt es für Zufall, als Anna mich ausgerechnet in die Reihe hinter Anneliese Marwitz dirigierte. Sie kennt sie gar nicht. Natürlich habe ich meine Dienstwaffe zu Hause in den Safe geschlossen. Da liegt sie seit zwei Wochen. Seit dem Tod meiner Frau. Seitdem bin ich krankgeschrieben, kann nicht arbeiten, auch, wenn ich es mir manchmal als Weg zurück in die Normalität wünschte. Aber es ist nichts mehr normal, war es noch nie, wird es nie sein. Jede Hoffnung auf mögliche Normalität hat meine Tochter gerade zerschossen. Wie gern hätte ich es der Marwitz gezeigt. Nicht so, nein. Ich hätte ihr gern mein Ausbildungszeugnis unter die Nase gehalten und sie angebrüllt: »Siehst du, die selbstgerechte Schlampe. Ich tauge doch etwas.« Aber nach jeder bestandenen Prüfung habe ich es auf die nächste geschoben. Nie war das Erreichte mir gut genug. Und während der Leichnam abtransportiert wird, während meine Tochter und ich zum Landeskriminalamt in der Hindenburgstraße gebracht werden, triumphiert die Samariterin wahrscheinlich aus dem Jenseits: »Ich wusste es. Du hattest deine Schüsse noch nie unter Kontrolle.«


04.05.2009

Eike Birkmeyer (41, Staatsanwalt)

»Sie haben geglaubt, ich bin verrückt, nicht wahr?«
Es fällt mir schwer, der Frau in die Augen zu sehen. Kaum treffen sich unsere Blicke, dreht sie den Kopf weg. Ich bin froh darum.
»Ja«, gebe ich zu.
Sie sitzt ruhig auf ihrem Stuhl, zerrt an den Ärmeln des viel zu weiten Strickpullis, kratzt sich die Innenflächen ihrer Hände und macht nach jedem Satz eine Pause. »Ich bin nicht verrückt.«
»Verraten Sie mir jetzt, wie sie heißen?«
»Anna. Anna Wieland.« Sie wartet, ob ich eine weitere Frage stelle. Doch zum ersten Mal in meiner langen Zeit als Staatsanwalt fällt mir keine Frage ein. »Das wissen sie längst, oder?«
Ich nicke. »Ja, das weiß ich längst. Frau Marwitz war ihre Oma?«
Anna Wieland schüttelt heftig den Kopf. »Omas haben einen lieb.«
Wir schweigen. Ich stehe auf, kippe das Fenster. Ich brauche dringend frische Luft.
»Frau Marwitz hat Mama unglücklich gemacht. Ich wollte, dass Mama wieder fröhlich ist.«

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